„Wir- Und was uns zu Menschen macht“

„Die Grundbedingung des Menschen ist weder Gewalt noch der Egoismus, die Kooperation ist es.“

„Naht die Apokalypse? Ist der Mensch ein unverbesserlicher Zocker, ein Abstauber, ein Egoist, ein Gierschlund, ein Despot, der alles nur für sich haben will und sich nicht um andere schert?“ Auf diese „Urfrage“ des menschlichen Daseins – die Frage nach dem Wesen des Menschen – hat der Diplom-Biologe und Wissenschaftsjournalist Werner Siefer nur eine, dafür aber sehr eindeutige Antwort: Nein! Der Mensch ist kooperativ und im tiefsten Sinne ein soziales Wesen, das ohne die Gemeinschaft niemals überlebensfähig wäre.

In gesellschaftlichen Diskursen erklingen bis heute immer wieder die beiden wohl berühmtesten antagonistischen philosophischen Positionen bezüglich dessen, was der Mensch im Kern seines Wesens eigentlich ist. Einerseits genannt wird der englische Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes, der, geprägt von den katastrophalen Folgen des Dreißigjährigen Krieges, zu der allseits bekannt gewordenen Überzeugung gelangte, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf (Homo homini lupus est). Andererseits wird dem obligatorisch die These des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau entgegengesetzt, der rund hundert Jahre nach Hobbes behauptete, der Mensch sei im Grunde unschuldig und ursprünglich von Natur aus „gut“. Allein die Zivilisation erziehe ihn zum gewalttätigen, zweckgeleiteten und egoistischen Nutzenmaximierer, d.h. verderbe ihn gleichsam ex post.

Mit diesen und weiteren philosophischen Ausführungen beginnt Siefer seine interdisziplinär angelegte und sehr übersichtlich gestaltete Darlegung, in welcher er anhand aktueller (neuro-)biologischer, psychologischer, neurowissenschaftlicher, anthropologischer und soziologischer Erkenntnisse aufzeigt, dass und warum wir Menschen sozusagen qua Geburt sozial und kooperativ sind. Nicht länger sei die Kooperation als ein rational gesteuertes Tauschgeschäft zu begreifen. Vielmehr verweise unsere Fähigkeit zur empathischen Anteil- und Rücksichtnahme, unsere Begabung Emotionen zu empfinden und wahrzunehmen, schon immer darauf, dass die so verfasste menschliche Kognition sich nur innerhalb einer sozialen Gemeinschaft konstituieren und entwickeln konnte. Wir werden in eine Gemeinschaft hineingeboren und können ohne diese nicht existieren. Unser Gehirn ist seit jeher ein „soziales Gehirn“. Der Mensch „ist auf grundlegende Weise darauf angelegt, die Ziele des anderen zu teilen, sich mit ihm zu einem Wir zusammenzuschließen. Sein Denken ist nicht Ich, sein Denken ist Wir. Und anderen zu helfen bedeutet seinen Grundzustand.“ Wer etwa behaupte, der Mensch sei ein von Natur aus unverbesserlicher, giergetriebener Egoist, der schiene lediglich Legitimation zu suchen für Macht, Gier, Ausbeutung und Triumph über den Schwächeren, so Siefer in seinem Schlussplädoyer.

Werner Siefer schafft es, diesen umfangreich angelegten und inhaltliche komplexen Themenbereich überaus verständlich, motivierend und spannend aufzuarbeiten. Gerade in Zeiten, in denen die Krise zur Routine geworden zu sein scheint, sind seine Schilderungen und Ergebnisse einmal mehr ein Wink mit dem Zaunpfahl und eine ermunternde Aufforderung, sich mit Fragen eines nachhaltigen, sozialverträglichen und wünschenswerten Lebens auseinander zu setzen.

Rezensent: Roman Felde

 

Werner Siefer

Wir – Und was uns zu Menschen macht

Campus Verlag (2010)