Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert

„In meiner Arbeit an der Hochschule Furtwangen hat sich immer wieder gezeigt, dass die Folgen und Grenzen innovativer Technologien nicht immer angemessen und rechtzeitig reflektiert werden. Es ist and er Zeit, den Mythos Lifelogging zu erkunden. Dieses Buch möchte zur Abwechslung einmal pünktlich kommen.“

Transparenz oder Datenschutz? Öffentlichkeit oder Privatheit? Digitale Maßlosigkeit oder digitale Abstinenz? In Zeiten kontrovers diskutierter Abhör- und Datenschutzskandale, einer nur allzu oft nachlässigen Einstellung vieler im Umgang mit sozialen Medien sowie in Zeiten eines immer weiter um sich greifenden Rationalisierungs-, Steigerungs- und Optimierungsdenkens, stellen sich Fragen wie die eben genannten aufdringlicher denn je.

In diesem Kontext scheint nichts so derart überraschend und zugleich so typisch für unseren Zeitgeist, wie das Phänomen des sogenannten „Lifelogging“, mit dem sich der Soziologe Stefan Selke in seinem aktuellsten Buch beschäftigt. Er geht hierbei von der These aus, dass Lifelogging „die Bedingungen menschlicher Existenz radikal verändert, indem zutiefst menschliche Aspekte (Zufall, Vergesslichkeit, Geheimnisse …) eliminiert werden und damit neu definiert wird, wie wir in Zukunft leben werden“ (S. 26).

Doch was versteht man eigentlich unter Lifelogging? Lifelogging bezeichnet zunächst eine freiwillige und tendenziell totale Erfassung des persönlichen Lebens im Hinblick auf dessen Optimierung mithilfe neuster digitaler Selbstvermessungstechnologien. Dabei geht es oft weniger um konkrete Ziele oder Motive, sondern vielmehr um vage Vorstellungen und Ideen, davon, dass man durch bloßes und rigoroses Datensammeln zu einer Art Selbsterkenntnis gelangen und darauf aufbauend eine nachhaltige Verbesserung des eigenen Lebens bewirken könne. Unklar ist jedoch stets, was unter einem ‚besseren‘ oder ‚guten‘ Leben tatsächlich verstanden wird. In der Tat handeln die meisten Selbstvermesser präventiv: „Es geht nicht darum, die Daten alle zu nutzen, sondern darum, die Daten nutzen zu können“, so Selke (S. 54).

Es sind dies vordergründig Daten, die etwa auf Messungen des Körpergewichts, der Herzfrequenz, der täglich getätigten Anzahl von Schritten und der Erfassung von Schlafdaten, über die penible Dokumentation der täglichen Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr, bis hin zu der beinahe pausenlosen Tätigung und Speicherung von Fotos und Videos beruhen. Kurz: Das ‚Ganze‘ des eigenen Lebens – Erfahrungen, Lebensorte, Körperdaten, Bekanntschaften etc. – soll in einer Art „Black Box“ gespeichert werden und bei Bedarf jeder Zeit abrufbar sein.

Selkes Anliegen ist es nun, den Fokus auf die Ambivalenz zu legen, die hinter dem ‚uraltem Traum“ nach einer Verbesserung des Menschen steckt. Bei näherem Hinschauen erkenne man, so Selke, „dass es keine absoluten Verbesserungen geben kann, sondern immer nur Verbesserungen in Bezug auf bestimmte Kategorien. Und das bedeutet auch, dass die Verbesserung des Menschen in einem Feld unbeabsichtigt eine Verschlechterung in einem anderen Feld nach sich ziehen kann. […] Vor allem aber stellt sich die Frage, wer darüber entscheidet, was als Verbesserung oder Verschlechterung gilt“ (S. 21).

Doch gilt es nicht nur die Ziele der Lifelogger relational zu betrachten. Auch scheint der aus der Selbstvermessung resultierende Erkenntnisgewinn eher volatil: So schildert Selke die Aussagen von Patrick, der für eine Bergbesteigung trainierte und währenddessen sich sorgfältig selbstvermass und das alles nur, um nach 15 Trainigswochen zu der eher nicht überwältigenden Erkenntnis zu gelangen: mehr trinken! Wie Selke logischerweise auch anmerkt, ist es doch zumindest sehr fraglich, ob man sich hierfür unbedingt umfassend selbstvermessen muss. Schließlich werde im Kontext des ganzen Datenwahns zudem eines vergessen: Komplexe Zusammenhänge, Erfahrungen und innere Befindlichkeiten lassen sich nicht so leicht vermessen. Und vielleicht ist es auch gut so.

Die Gefahr, auf die Selke hinweist, liegt letztlich darin, dass die Selbstvermessung vor allem normative Folgen nach sich ziehen kann: Wer sich nicht vermisst und transparent macht, könnte in der digitalen Gesellschaft schnell ins Abseits geraten. Aus der Unschuldsvermutung würde dann chronischer Verdacht. Die Vergleichbarkeit und Objektivität suggerierenden Daten, so Selke weiter, könnten eine digitale Klassengesellschaft erzeugen, in der Machtverhältnisse konserviert und soziale Ungleichheiten massiv verstärkt würden.

Das im Hinblick auf das Thema mit rund 330 Seiten recht umfangreich ausgefallene Buch, stellt eine insgesamt treffende zeitdiagnostische und äußerst gut lesbare, weil beispielreiche Analyse des Lifelogging-Phänomens dar. Selke, der Professor für Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule Furtwangen ist und sich selbst als einen öffentlichen Soziologen sieht, tut hier genau das, was man von der Soziologie als einer kritischen Disziplin auch ruhig erwarten darf: Er unternimmt einen gelungen Versuch, einer mit dem professionell-skeptischen Blick gerahmten gesellschaftlichen Aufklärung.

Rezensent: Roman Felde

 

Stefan Selke

Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert.

Econ Verlag