Bescheidenheit – für eine neue Ökonomie

„Eines, was wir aus dieser Krise lernen sollten, ist meiner Ansicht nach die Notwendigkeit echter Demut und Bescheidenheit.“

 

Beim vorliegenden, 119 seitigen Buch handelt es sich um einen für eine Radiosendung in Oxford erstellten Audiomitschnitt eines Interviews mit Tomáš Sedláček und David Orrell.

Tomáš Sedláček arbeitet derzeit als Chefökonom der größten tschechischen Bank ČSOB und ist Mitglied im Nationalen Wirtschaftsrat der Regierung. David Orrell ist ein kanadischer Mathematiker und bekam große Beachtung mit seinem erschienenen Buch „Economyths“.

Diese beiden, aus verschiedenen Fachbereichen kommenden Wissenschaftler werden zum aktuellen Weltgeschehen, insbesondere zur gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zur Finanz-, Wirtschafts-, und Schuldenkrise befragt. Dem derzeitig vorherrschenden Aufatmen nach der Krise und dem Eindruck, dass alles noch einmal gut gegangen sei, stellen sie beide interessante Überlegungen entgegen. So zum Beispiel, dass nach der Finanzkrise sofort wieder überlegt wurde, wie ein schnelleres Wirtschaftswachstum erreicht werden könne. Das „Wachstum um jeden Preis“ sei absurd und führe zu Ungleichgewichten in anderen Bereichen, nicht zuletzt, da Ökonomie ursprünglich auf einem Gleichgewicht beruhe. Es werde stur auf das BIP geschaut und auf Wachstum gesetzt, ohne es von Verschuldung und Ungleichverteilung des Geldes zu trennen. Seit der Krise habe sich daran unverständlicherweise nichts geändert. Beide Wissenschaftler sind sich einig, dass das BIP eine sehr geringe Aussagekraft in Bezug auf das Wirtschaftswachstum habe und die extremen Unterschiede zwischen Armen und Reichen ignoriere, sowie die damit einhergehende Umweltverschmutzung unter den Tisch fallen lasse. Von dem so errechneten Wirtschaftswachstum profitiere nur eine sehr kleine Gruppe von sehr Reichen, der Durchschnitt lasse aber auf etwas „Gutes“ schließen.

Sedláček und Orrell sind sich einig, dass ein wichtiger Aspekt, um an dieser Denkweise etwas zu ändern ist, dass man sich nicht nur auf Zahlen verlassen solle, sondern auch „weiche Größen“ berücksichtige. Es werde versucht alles in eine mathematische Formel zu pressen, was allerdings bei einem komplexen System wie der Ökonomie nicht funktioniere. Dies habe man an falschen Vorhersagen und einem folgenden Zusammenbruch erlebt. „Demut und Bescheidenheit“ sei das Stichwort sowie ein Gefühl für Gegebenheiten, für die es keinen festen Preis gibt, wie etwa saubere Luft.

Die nun folgende Frage lautet allerdings: Wie genau soll das von statten gehen? Hat der Ottonormalverbraucher überhaupt in irgendeiner Weise die Möglichkeit Einfluss auf die Sicht auf den „Götzen BIP“ zu verändern? Oder die erkünstelte Genauigkeit der Berechnungen der wirtschaftlichen Zukunft zu beeinflussen? Eher nicht. Wer hier eine Handlungsanweisung für eine bessere Zukunft sucht, wird keine Klarheit bekommen. Hier gelangen Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker näher an das Geschehen heran um etwas ändern zu können, als ein chinesischer Fabrikarbeiter. Es wäre jedoch von Vorteil, wenn sie von einer Bevölkerung unterstützt werden würden, welche sich zunehmend für mehr Bescheidenheit und einen Weg in eine neue Ökonomie stark macht und dergleichen fordert, beziehungsweise lebt. Zu diesem Zweck ist das Gespräch zwischen Sedláček und Orrell allerdings sehr anregend. Es scheint beiden nicht darum zu gehen eine Lösung für die gemachten Fehler und vorherrschenden Strukturen zu präsentieren, sondern vielmehr die institutionalisierten und immer wieder fortgeführten Handlungs- und Denkmuster in Frage zu stellen, sowie aufzuzeigen, dass die Ökonomie sehr viel komplexer ist, als man durch vereinfachte Modelle behauptet. Auf die Feststellung Orrels, dass es nicht gewiss sei, ob immer ausgefeiltere Wirtschaftsmodelle vor Fehltritten schützen, überlegt Sedláček sogar, ob wir nicht ganz ohne wirtschaftliche Vorhersagen auskämen und weniger Risiken eingegangen würden.

Rezensent: Leon Alberding